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Notwendig

Die „Tafel“ ist nötiger als je zuvor

Nein, eine Torte mit Kerzen gibt es nicht zum Geburtstag. Auch kein Gläschen Sekt für die Erwachsenen oder üppige Geschenke für die Kleinen. Auch an diesem Donnerstag gibt es an dem Eckhaus in der Professor-Dieß-Straße in Pocking Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs. Wie jeden anderen Donnerstag der vergangenen fünf Jahre. Viele, die kommen, tun dies nicht so gerne, schämen sich, haben Angst erkannt zu werden. Aber sie wissen auch, hier ist man für sie da. Hier in der Pockinger Tafel. Die Einrichtung gibt es nun seit fünf Jahren. Und sie ist nötiger als je zuvor!

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Fünf Jahre Pockinger Tafel – Carola Aschenbrenner, die rührige Vorsitzende des Vereins Pockinger Tafel e.V. weiß nicht so recht, ob sie sich über dieses Jubiläum freuen sollte, oder ob es nicht schade ist, dass es so etwas wie eine Tafel geben muss. Im 21. Jahrhundert, in Deutschland.

Kurz überlegt sie und drückt sich dann salomonisch aus: „Es gebe eben ein lachendes und ein weinendes Auge“.

Und warum überhaupt eine Tafel?
Weil es Menschen gibt, die mit dem Einkommen nicht auskommen.

Aber mit solch theoretischen Betrachtungen hält sich Carola Aschenbrenner ohnehin nicht lange auf. Sie erzählt viel lieber von eben dieser Aufgabe, von den Menschen, die Woche für Woche diese Hilfe in Anspruch nehmen. Und es werden immer mehr. „Wir haben vor fünf Jahren begonnen mit 60 Berechtigungsausweisen, das waren 90 bis 100 Bedürftige. Heute gibt es 192 ausgestellte Ausweise! Das sind 393 Personen, die von uns unterstützt werden.“, rechnet Carola Aschenbrenner vor und sieht darin einen klaren Beweis dafür, dass die Tafel notwendig ist. Sie betont das nur so als Beleg für diejenigen, die immer noch glauben, dass es so etwas bei uns nicht braucht.

Wenn sie das hört, wird Carola Aschenbrenner ein wenig böse. Denn auf den guten Ruf der Tafel legt sie größten Wert.

Wir haben in Pocking eine sehr große Akzeptanz in der Bevölkerung. Egal, wo wir um Spenden bitten, wir hören niemals ein Nein“, freut sie sich. Und die Zusammenarbeit mit den umliegenden Kommunen sei Bestens. Vor allem mit der Stadt Pocking. Das Pockinger Sozialamt ist auch für die Ausgabe der Berechtigungsscheine für die Tafel zuständig. Auf dem Ausweis wird vermerkt, wie viele Personen zur Familie gehören.

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Mit dem Ausweis holen sich die Bedürftigen dann die Lebensmittel. Manche aber wollen auch reden. Ihr Schicksal mit jemand teilen zu können, jemand zu haben, der einem auch mal für einige Minuten lang zuhört. Auch das schätzen die Menschen an den Helfern der Tafel. „Aber wer nichts erzählen will, der muss das auch nicht tun“, so die Tafel-Vorsitzende.

Lebensmittel-Ausgabe in der Pockinger Tafel ist jeden Donnerstag von 13 Uhr bis 15:30 Uhr. Alles läuft diskret ab, in kleinen Gruppen.

Wenn jemand in der Situation ist, zu uns kommen zu müssen, sollte er nicht durch langes Warten zur Schau gestellt werden. Das wollen wir nicht. Schon alleine nicht aus Respekt vor den Bedürftigen“, sagt Carola Aschenbrenner.

Respekt, ein Wort, das sie oft benutzt. Mit Respekt muss man sie behandeln, die Menschen. Dafür erfahren dann Helfer immer wieder kleine Signale der Dankbarkeit. Von denen die dem Armuts-Kreislauf entronnen sind. Da bringt schon mal jemand einen selbst gebackenen Kuchen vorbei. Ansonsten bekommt die Pockinger Tafel die Lebensmittel von Geschäftsleuten oder Discountern kostenlos. Alles einwandfreie Lebensmittel, keine abgelaufene oder verdorbene Ware.

Wir werden regelmäßig von der Lebensmittel-Aufsicht kontrolliert. Wir nehmen jede Woche eine Stichprobe von unseren Lebensmitteln. Das läuft alles genau nach Vorschrift“, so Carola Aschenbrenner.

Wie eine gut geölte Maschine funktioniert das Team der ehrenamtlichen Helfer. Da gibt es die Fahrer, die die Lebensmittel von den Discountern holen und die Helfer in der Tafel selbst. Eine Gruppe kommt am Donnerstagvormittag. Da wird sortiert und für die Ausgabe vorbereitet. Nachmittags sind die da, die Freude haben, die Lebensmittel an die Menschen auszugeben.

Wer mithelfen will, sei jederzeit willkommen. Einfach am Donnerstag mal vorbeischauen und mitmachen!

Und das Geld? Auch daraus macht Carola Aschenbrenner keinen Hehl. Für 2012 zum Beispiel hat sie fertige Zahlen vorliegen. Insgesamt stehen da unterm Strich Kosten von 26.000 Euro.

Da ist alles dabei – von der Miete, über den Strom bis hin zu den Reifen für das Tafel-Fahrzeug oder auch Verpackungsmaterial.

Das Geld kommt rein durch den Tafelgroschen, den jeder Bedürftige wöchentlich entrichten muss. Die Tafel-Mitarbeiter geben zudem gegen eine freiwillige Spende selbstgemachte Marmelade ab. Der Rest kommt von Geldspenden und von Patenschaften. Ja, für die Pockinger Tafel kann man eine Patenschaft übernehmen. Da zahlt man dann jedes Jahr einen selbst festgelegten Beitrag. Das machen Firmen oder Privatpersonen, die die Arbeit der Tafel schätzen. Die Arbeit bei der Tafel – für die Vorsitzende ist es „eine andere art der Zivilcourage“. Die wollen Carola Aschenbrenner und Ihr Team auch weiterhin praktizieren. Und das ist für sie viel wichtiger als Sekt und Torte zum Jubiliäum.

(Passauer Neue Presse, Ausgabe Dezember 2013 von Markus Gerauer, gekürzt)